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Saatgut
Traditionelle Saatgutbanken – biologische Vielfalt bewahren
Die Privatisierer von Saatgut und genetischer Information haben es bislang nicht vermocht, den Inhalt unserer Kühl- und Apothekerschränke vollständig zu kontrollieren, so wird im aktuellen Bericht der unabhängigen Forschungsgruppe ETC-Group deutlich. Aber die Kontrolle der Saatgut- und Pharmamärkte schreitet voran. Zudem warnt die ETC-Group im Kontext des Zusammenbruchs von Ökosystemen, Nahrungsmittelproduktion und Finanzmarkt vor einem neuen Manipulationsschub durch “Veränderung lebender Organismen auf Nano-Ebene“. Neue Technologien, etwa Nanotechnologie und Synthetische Biologie, machen es möglich. Die Alternative zum privatisierten Saatgut, zur Erbgutmanipulation und zum synthetischen Bio-Engineering kommt von vielen ländlichen Orten der Welt. Es ist eine Alternative der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft: Einfach, verlässlich und anpassungsfähig.
Traditionelles Wissen und lokale Saatgutbanken
Nachhaltige Landwirtschaft bedarf der Unabhängigkeit und des gerechten Zugangs zu den natürlichen und kulturellen Ressourcen. Wie „einfach“ das geht, zeigt die indische Organisation Navdanya, die von Vandana Shiva (Trägerin des Right Livelyhood Award) gegründet wurde.
Navdanya hat in gut zwanzig Jahren 46 dezentrale Saatgutbanken in ganz Indien aufgebaut. Mehr als 220 Reissorten, dazu verschiedene Sorten von Hülsenfrüchten, Ölsaaten und Gemüse. Neben der Biodiversität in den Saatgutbanken wird in zahlreichen Projekten auch das Wissen von Tausenden Bäuerinnen und Bauern aufbewahrt. Es geht um Eigenständigkeit und Ernährungssicherung, um Erhalt und Weiterentwicklung biologischer Vielfalt durch traditionelles Wissen, sowie um ein robustes Gemeinwesen mit starken Selbsthilfestrukturen.
Etwa 6 Millionen Muster – ein kleiner Ausschnitt der bio-genetischen Vielfalt – lagern weltweit in mehr als 1300 Banken. Dabei ist Saatgutbank nicht gleich Saatgutbank, vielmehr stellt sich in jedem Fall die Frage: Wem nützen sie? Wie werden sie verwaltet? Wer kontrolliert sie und wer finanziert sie? Und wie bleiben die in den Saatgutbanken aufbewahrten Schätze mit lebendigen Kulturen und traditionellem Wissen verbunden?
Gerade in diesem Punkt werden zentralisierte Projekte wie das Svalbard Global Seed Vault – der globale Saatgutpermafrosttresor auf der norwegischen Insel Spitzbergen – ihren Sinn noch beweisen müssen. Der Seed Vault ist ein Projekt des Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt (engl. Global Crop Diversity Trust, GCDT). Er wurde unter anderem von der Bill & Melinda Gates Stiftung, von Monsanto und Syngenta kofinanziert. Eröffnet im Februar 2008, sollen im ewigen Eis bis zu 4,5 Millionen Samenproben eingelagert werden. Doch schon im ersten Sommer wurde klar, dass dieses Eis nicht ewig ist und die Erwärmung des Permafrostbodens die Gendatenbank gefährden kann. Die große Frage ist zudem: Wem dient die zentrale Einlagerung und Kontrolle der 21 wichtigsten Nutzpflanzenarten dieser Welt? Für wessen Pflanzenzuchtziele und für welche Forschungsabsichten finanzieren Regierungen und private Akteure diese Schatzkammer?
Die Saatgutbanken von Navdanya sind klein und dezentral. Ob in Peru (Kartoffelpark) oder in der Schweiz (Pro Specie Rara) oder in Neuseeland (Koanga Institut). Sie alle werden von den ländlichen Gemeinden vor Ort genutzt, kontrolliert und erhalten.
Zum Weiterlesen
Traditionelle Saatgutbanken beschreibt Jules Pretty in „Agroecological Approaches to Agricultural Development“.
Der Bericht der ETC-Group: "Who owns Nature?"
Wie wichtig für den Erhalt von Biodiversität neben Saatgutbanken das traditionelle Wissen ist, beschrieb der Genethische Informationsdienst im April 2007.
LINDA lebt
LINDA, die Kartoffel des Jahres 2007, steht schon seit Januar 2005 nicht mehr in der Bundessortenliste. Der Sortenschutzinhaber hatte die Zulassung vorzeitig zurück genommen. "Unser Saatgut ist ausverkauft, damit ist LINDA für uns gestorben", sagte Jörg Renatus vom Pflanzenzuchtkonzern Europlant im April 2007.
Nach 30 jährigem Sortenschutz kann normalerweise jeder eine Sorte als so genanntes Pflanzgut frei verkaufen, sofern sie zugelassen ist. Frei bedeutet hier: Saatgut anbauen und mit Saatgut handeln, ohne um jemandes Erlaubnis zu bitten beziehungsweise dafür zu zahlen. Doch bei LINDA hatte Europlant die Zulassung innerhalb der 30 Jahre Sortenschutz zurückgezogen, so dass niemand die Zulassung übernehmen konnte. Wer LINDA verkaufen wollte, musste eine kostenintensive und zeitaufwändige Neuzulassung beim Bundessortenamt beantragen. Europlant hatte LINDA also nicht freigegeben, sondern lediglich das Interesse an der Knolle verloren, da die Einnahmen aus Lizenzgebühren für neu gezüchtete Kartoffelarten gewinnbringender erschienen. LINDA wurde für Europlant zur lästigen (internen) Konkurrentin.
Doch nicht in ganz Deutschland wurde die Knolle geschmäht. Auf Bauernhöfen im Landkreis Uelzen regte sich Widerstand. Unterstützt von Bioland und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) hat eine Gruppe von Kartoffelbauern um Karsten Ellenberg eine LINDA-Kampagne initiiert. Eine Kampagne für das Recht, Saatgut im Interesse der Allgemeinheit nutzen zu dürfen.
Europlant erhob Klage gegen Ellenberg und drei Mitstreiter, die als ehemalige Vertragsbauern LINDA angebaut und die Sorte bei der Landwirtschaftskammer als Pflanzgut angemeldet hatten. Das Urteil: LINDA dürfe nur unter Kontrolle eines Sachverständigen gerodet und einlagert werden. Keine Knolle dürfe vorerst gegessen oder als Pflanzkartoffel gehandelt werden. Dieser Prozess endete mit einem Vergleich: Die Bauern händigten Europlant die beschlagnahmten Kartoffeln aus, die LINDA dann doch noch vermarktete.
Dies wertete der Freundeskreis Rettet LINDA als Erfolg, denn damit war LINDA als Pflanzkartoffel wieder auf dem Markt, unabhängig davon, wer den Vertrieb organisierte. Ellenberg und seine Kollegen haben zudem in Tschechien und Großbritannien Anträge auf Eintragung und Zulassung in die dortigen Sortenlisten gestellt.
LINDA lebt, weil sich Bauern um sie kümmern und die Menschen sie gern essen! Und LINDA muss leben, denn es geht nicht um irgendeine Kartoffel, sondern um die Frage: Wer bestimmt, was in den Kochtopf und auf unseren Tisch kommt?
Zum Weiterlesen
Zur LINDA kann Mensch sich auf der Webseite des Bauernhofs Ellenberg informieren. Dort gibt es auch eine DVD zum Thema.
Die Yapana Matrix
Sie sieht aus wie ein Kinderspiel. Sie wird mit Kreide oder bunten Bändern auf den Boden gezeichnet. Sie ist einfach und doch komplex. Sie nennt sich Yapana Matrix. In ihr sammeln und systematisieren die Bauern im heiligen Tal der Inka ihr Wissen über eine stärkehaltige Knolle.
Die lokale Bevölkerung nutzt die Rechentafel der Inkas (Yapana) zur Dokumentation ihrer rund 3000 Kartoffelsorten. Bis zu fünfzig verschiedene Sorten werden vom einzelnen Bauern angebaut.
In schlichten Kästchenreihen visualisieren die Kartoffelbauern alle wichtigen Informationen. Saatgut verschiedener Farben, Formen und Größen verweist auf die zu dokumentierenden natürlichen oder kulturellen Eigenschaften einer spezifischen Kartoffelsorte. Das Saatgut wird mit kulturellen Symbolen kombiniert und durch sprachliche Elemente ergänzt. So werden Kartoffeln beispielsweise danach klassifiziert, ob sie essbar sind oder ornamentale und medizinische Wirkung haben. Es gibt auch solche, die nur für rituelle oder spirituelle Zwecke eingesetzt werden.
Anschließend werden die Daten im Informationszentrum des Kartoffelnationalparks in ein webgestütztes System übertragen und mit Grafiken, Karten, Photos und sonstigen Materialien komplettiert. Ein- bis zweiminütige Videos, in denen der komplette Dokumentationsprozess auf Quechua festgehalten ist, ergänzen den Bestand. Das computergestützte Informationssystem ist nicht nur sehr nutzerfreundlich, es wird auch von den Gemeinden selber gepflegt und kontrolliert. Und es basiert auf Freier Software, denn nur Freie Software erlaubt, die Programme an die spezifischen Bedürfnisse der Kartoffelbauern anzupassen.
Die Gemeinden haben nicht nur volle Kontrolle darüber, was mit ihrem Saatgut geschieht, sondern auch darüber, was mit den Informationen über ihr Saatgut geschieht. Diese Informationen bleiben innerhalb der Gemeinden offen und frei zugänglich – so wie es der traditionellen Praxis in den Anden entspricht.
Das sich ständig erweiternde biokulturelle Register dokumentiert das lokale, traditionelle Wissen aber nicht nur für die Kartoffelbauern selbst, sondern auch für die ganze Welt. Die Regelung der Zugangsrechte Dritter zu diesen Informationen ist daher ein wichtiger Bestandteil des gesamten Projektes. Es geht um Regelungen, die Ausgleich schaffen: Zwischen dem Anspruch, die Informationen zum Wohl der Gemeinden und der Menschheit zu nutzen einerseits und Aspekten des Gewohnheitsrechts, des Schutzes von Gemeineigentum und der Abwehr von Biopiraterie andererseits (siehe „Pro und Kontra: Den Zugang zu Wissen zu verweigern?“).
Die Lösung für den Umgang mit der Frage der Zugangsrechte fanden die Protagonisten des Kartoffelparks pikanterweise in Digitalen Rechtemechanismen (DRM), also in der Nutzung technologischer Mechanismen zur Zugangs- und Nutzungsbeschränkung. Diese werden derzeit von Rechteinhabern wie Verlagen und Musikproduktionsfirmen entwickelt, um sich exklusive Verfügungsrechte an Wissen und Kultur zu sichern.
Auch die Quechua wollen ihre Rechte schützen, denn, so ihre Erfahrung, die Gemeinfreiheit ermöglicht ihnen nicht, ihre Pflanzen vor Biopiraterie zu schützen.
Das Register nutzt daher technische Zugangsbarrieren, um ihre natürlichen Ressourcen, ihr traditionelles Rechtssystem und ihr lokales Wissen zu schützen. In anderen Worten: Die Gemeinden bestimmen selbst, wer unter welchen Umständen auf welche Daten zugreifen darf. Dazu gibt es farblich gekennzeichnete Zugangsklassen. Grün bedeutet: Jeder hat Zugang zur Information. Gelb bedeutet: Es bedarf einer besonderen Identifikation und Erlaubnis für die Gewährung der Zugangsrechte unter der Voraussetzung der expliziten Anerkennung der Rechte der Quechua. Rot bedeutet: Kein Zugang. Nur für rot markierte Informationen verweigern die Kartoffelbauern die Herausgabe an Dritte.
„Das Register ist aber kein Instrument zur Durchsetzung geistiger Eigentumsrechte, sondern ein Instrument, welches das System geistiger Eigentumsrechte mit seinen eigenen Waffen schlägt“, bringt der Agrarökonom Alejandro Argumedo die Philosophie der digitalisierten Yapana Matrix auf den Punkt. Zugang nur für die, die Ressourcen schützen und traditionelles Wissen respektieren (siehe auch Diskussion, ob es ein Recht geben sollte, die Verbreitung traditionellen Wissens zu verhindern - Pro Und Kontra).
Zum Weiterlesen
Das International Institute for Environment and Development hält eine Reihe von Informationen zu traditionellem Wissen und dessen Bewahrung durch Indigene bereit. Das Beispiel Yapana-Matrix ist dort unter dem Titel „Protecting Indigenous Knowledge against Biopiracy in the Andes“ von Alejandro Argumedo und anderen veröffentlicht worden.









