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Medikamente
Kooperation statt Marktversagen: Medikamentenentwicklung bei DNDi
Es gibt Krankheiten, die bei uns kaum bekannt sind, aber dennoch weltweit sehr viele Menschen betreffen. 500.000 Menschen leiden z B. unter der Schlafkrankheit, einer oft tödlich verlaufenden Infektionskrankheit, vor allem in Afrika. Die Tendenz ist steigend. Oder Chagas: Vorwiegend in Mittel- und Südamerika wird diese Krankheit durch Wanzen übertragen. Es gibt schätzungsweise 16 Millionen Infizierte.
Solche tropischen Infektionskrankheiten werden als „vernachlässigte Krankheiten“ (neglected deseases) bezeichnet. Obwohl nach Schätzungen von Ärzte ohne Grenzen weltweit eine Milliarde Menschen von neglected diseases betroffen sind, waren diese Krankheiten über mehrere Jahrzehnte kein Thema für die kommerzielle Arzneimittelforschung. Es sind vor allem arme Länder betroffen, die für Pharmakonzerne keinen lukrativen Absatzmarkt darstellen. Die Zahlen sind deutlich: In den Jahren 1974-2004 wurden 1556 neue Wirkstoffe entwickelt. Davon sind nur 21 für diese tropischen Infektionskrankheiten. (Quelle: T. Chirac, Global Framework on Essential Health R&D) Man spricht auch von einer 10/90 Lücke: Auf 90% der weltweiten Krankheitsbelastung kommen nur 10% der Forschungsausgaben. Mit anderen Worten: Die Forschung kümmert sich hauptsächlich um die Bedürfnisse der zahlungskräftigen Minderheit (Quelle: Global Forum Health)
2003 wurde aufgrund dieser Probleme die Initiative für Medikamente gegen vernachlässigte Krankheiten ins Leben gerufen (Drugs for Neglected Diseases Initiative - DNDi). Die Initiatoren wollen wirksame und bezahlbare Arzneimittel gegen Krankheiten entwickeln, an denen vor allem Menschen in ärmeren Ländern leiden.
DNDi ist ein nicht kommerziell arbeitendes Pharmaunternehmen, das sich stark von klassischen Firmen unterscheidet. Basis ist ein Netzwerk aus Instituten mehrerer Länder in Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa. Statt neue Einrichtungen aufzubauen, werden bestehende miteinander verknüpft und die Forschungsinfrastruktur in Entwicklungsländer ausgebaut. So können neue Medikamente kostengünstig entwickelt werden. Das Projekt finanziert sich vor allem über Stiftungen und öffentliche Förderungen.
Ebenfalls neu ist der Ansatz, Medikamente ohne Patente zu entwickeln. Was Kritiker kaum für möglich gehalten hatten, gelang bereits 2007: Gemeinsam mit dem Pharmaunternehmen Sanofi-Aventis wurde das erste patentfreie Malariamedikament (ASAQ) auf den afrikanischen Markt gebracht. DNDi führte die komplette klinische Entwicklung durch, Sanofi-Aventis übernahm die Produktion in Marokko. 2008 folgte das Medikament ASMQ für Lateinamerika. Die Therapiekosten sind mit 1 US $ (Erwachsene) bzw. 50 Cents (Kinder) ungewöhnlich günstig.
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Eine Liste vernachlässigter Krankheiten führt z. B. die WHO.
Einen Report zur schlechten Bilanz der medizinischen Forschung zu vernachlässigten Krankheiten findet man auf der Webseite von Ärzte ohne Grenzen: Forschungszwerg Deutschland - kaum Forschungsmittel für vernachlässigte Krankheiten.
“Equitable Licenses“: Medizinische Forschung gerecht gestalten
Die öffentliche Finanzierung von Forschung spielt in der Entwicklung neuer Impfstoffe und Arzneimittel eine Schlüsselrolle. Schätzungsweise die Hälfte aller medizinischen Forschung wird vom Staat finanziert.
Ein Grundgedanke der Debatte um Eigentum in der Wissenswelt ist hier wichtig: Wer, wie eine Forschungseinrichtung, aus dem Wissensvorrat der Menschheit (der Wissensallmende) schöpft und diese Forschung öffentlich finanziert bekommt, muss in die Allmende zurück geben. Nur so können die Produkte der Forschung möglichst vielen Menschen zu Gute kommen.
Wie kann das für medizinische Forschung sicher gestellt werden?
International wird diese Frage intensiv zwischen Forschern, Geldgebern und Politik diskutiert. In Deutschland erforschen die BUKO Pharma-Kampagne, die Charité Universitätsmedizin Berlin und das Zentrum für Europäische Rechtspolitik der Universität Bremen das Thema gemeinsam und schlagen etwas Neues vor: Equitable Licenses, ein Modell zur gesellschaftlich und sozial angemessenen Lizenzierung von Forschungsergebnissen.
Ziel von Equitable Licenses ist, besonders in Entwicklungsländern durch spezielle Lizenzen den Zugang zu bezahlbaren Medikamenten zu verbessern. Dabei schlagen die Initiatoren einen ähnlichen Weg vor wie den, den Creative Commons für die Produktion von Inhalten geht.
Die Etablierung von Equitable Licenses wird wesentlich von einem Richtungswechsel der öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen abhängen. Die Patentverwertungsagenturen, die die Lizenzverhandlungen zwischen Universitäten und Unternehmen führen, müssen eine Perspektive entwickeln, um Forschungsergebnisse möglichst sinnvoll für das Gemeinwohl einzusetzen. Nach dem Motto: Medizinische Forschung - der Allgemeinheit verpflichtet.
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Die Charité Berlin und andere arbeiten im Projekt Equitable Licensing an sozialen und gerechten Lizenzen für medizinische Forschungsergebnisse.
Die WHO setzt Zeichen: Günstige Medikamente für alle
Öffentliche Forschung und deren Ergebnisse sind Gemeingut. Sie entspringen der kollektiven Leistung aller: Forscher werden oft von Steuern bezahlt und sie schöpfen neues Wissen auf der Basis von altem. Vor allem von Organisationen, wie Ärzte ohne Grenzen, Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) oder medico international, wird daher seit langem gefordert:
- Kein Monopol für die Herstellung von Medikamenten, zumindest für die Entwicklungsländer, und
- Abkopplung der Preise von den Forschungskosten, um Medikamente erschwinglich zu machen
Es geht dabei um die simple Idee, dass die Ergebnisse öffentlicher Forschung prinzipiell auch öffentlich zugänglich sein müssen. Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization - WHO) hat 2008 in einem „Globalen Aktionsplan“ konkrete Vorschläge gemacht, die ebenfalls in diese Richtung weisen. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer gerechteren weltweiten Gesundheitsversorgung.
Der globale Aktionsplan der WHO gegen den „Notstand bei Forschung und Entwicklung (F&E) von Medikamenten“ behandelt vor allem Armutskrankheiten (siehe auch Auflistung am Ende). Zwar stellt er die patentbasierte Finanzierung von Forschung nicht völlig in Frage – in den Industriestaaten werden durch sie viele Medikamente entwickelt – doch er erkennt an, dass dieses System bei der Forschung für Armuts- und Tropenkrankheiten versagt.
Obwohl dieser WHO Grundsatzbeschluss nicht bindend ist, gilt er doch als großer Erfolg: Erstmals wurde von einem internationalen Forum offiziell festgestellt, dass eine am Gewinn orientierte Pharmaforschung unzureichend ist, da sie große Teile der Weltbevölkerung vernachlässigt. Deshalb brauche es neue Ideen und Instrumente, um eine bedarfsgerechte Arzneimittelversorgung sicher zu stellen. Noch vor wenigen Jahren wäre solch eine Aussage undenkbar gewesen.
Die wichtigsten Bestandteile des Aktionsplans der WHO gegen Krankheiten in Entwicklungsländern
- Die Priorität von Krankheiten soll nach ihrer Bedeutung für die Globale Gesundheit beurteilt werden - nicht nach Absatzchancen.
- Der Auf- und Ausbau von Forschungsstrukturen in Entwicklungsländern soll gefördert werden.
- Produktionskapazitäten sollen durch Technologietransfer aufgebaut werden
- Es sollen alternative Anreize zur Entwicklung von Medikamenten für Armutskrankheiten geschaffen werden - neben dem Patentsystem - etwa Produktentwicklungs-Partnerschaften oder Forschungsprämien (Prize Funds).
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Der Aktionsplan der WHO und der Report der Commission on Intellectual Property Rights, Innovation and Public Health (CIPIH) sind auf der Webseite der Organisation zu finden.
Der 2. Alternative Report zur weltweiten Gesundheit wurde von Global Health Watch (GHW) 2008 herausgebracht.










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