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Kunst und Kultur
Tecnobrega: Anders erfolgreich.
Tecnobrega, der gut tanzbare, am Computer gemixte Rhythmus aus dem brasilianischen Bundestaat Pará, ist nicht einmal 10 Jahre alt. Im Handumdrehen avancierte er zur meist gehörten Musik in der Region. Die Geburtshelfer: DJ's, Künstler, Freie Radios und Straßenhändler, die CDs für maximal 1,50 Euro und DVDs für weniger als vier Euro verkaufen. Sie haben den Sound populär gemacht. Klassische Vertriebsstrukturen, wie in den Industriestaaten, erwiesen sich als unnötig.
Der Erfolg von Tecnobrega reduziert sich nicht auf das eigene Umfeld, aber er entsteht aus diesem. Unter anderem auf den allgegenwärtigen Tecnobregaparties. Dort verdienen die Künstlerinnen und Künstler, wie DJ Paty Potencîa (siehe Bild), ihr Geld. In der paraensischen Hauptstadt Belém gibt es über 3.000 Parties, über 800 Konzerte – im Monat! Allein in Belém existieren über 70 Gruppen, 273 aparelhagens (kleine Computer-Zentren) und circa 260 Straßenverkäufer, die von Tecnobrega leben. Der Erfolg zeigt, wie Kreativität und kulturelle Innovation nicht nur blühen, sondern zugleich mehr als nur eine Handvoll Stars und Produzenten ernähren können. 88% der Künstler hatten nie Kontakt mit einer Plattenfirma. 59% glauben, dass sich der Direktvertrieb positiv auf ihre Karriere auswirkt. Die Protagonisten des Tecnobrega verzichten, um ihrer Einnahmen willen, auf starke Schutzrechte und deren Durchsetzung.
Auch DJ Kode9 ging so vor. Er hat 2006 mit seinem Album “Memories of the Future” dazu beigetragen, den dubstep – aus der Peripherie Londons – über den Globus zu verbreiten. Ähnliches gilt für Kuduro aus Angola und Kwaito aus Südafrika, für die kolumbianische Champeta, die argentinische Chamamé und den funk carioca (aus Rio de Janeiro). Auch die Erfolgsgeschichte des nigerianischen Kinos gehört in diese Reihe. In Nigeria werden jährlich etwa 1200 Filme produziert. Damit hat sich das westafrikanische Land nach den USA und Indien zum drittgrößten Filmproduzenten der Welt gemausert. Eine Millionen Menschen sind nach Informationen des Economist in der nigerianischen Filmindustrie beschäftigt.
Ob Tecnobrega oder die nigerianische Filmindustrie: Es geht um Umgebungen, in denen die Durchsetzung von Schutzrechten für „intellektuelles Eigentum“ keinen Sinn macht. Kaum jemand kann sich Produkte leisten, die durch solche Schutzrechte erheblich verteuert werden. Also schöpfen die Kreativen aus der sozialen und kulturellen Allmende: Aus den lokal vorhandenen kulturellen Elementen, aus der Nutzung der Möglichkeiten digitaler Produktion und aus dem Direktkontakt zu den Menschen der jeweiligen Umgebung.
Tecnobrega und die nigerianische Filmindustrie sind durch eine Ökonomie des Teilens und Kopierens zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Millionen hören diese Musik und sehen diese Filme. Tausende leben davon. Das Argument, „Piraterie“ vernichte Arbeitsplätze, rückt aus dieser Perspektive in ein anderes Licht. Der Verzicht auf geistige Monopolrechte schafft auch Arbeitsplätze – aber andere. Er demokratisiert die kulturelle Produktion und die Möglichkeit, von der eigenen Kreativität und Innovationskraft zu leben.
Zum Weiterlesen
Zu Tecnobrega hat Ronaldo Lemos geschrieben: Oona Castro: Tecnobrega - O Pará reinventando o negócio da música.
Creative Commons: Die Grundlage für alles Kreative vergrößern
Seit fast einem Jahrzehnt ist Creative Commons eine Erfolgsgeschichte. Die Non-Profit-Organisation reagiert mit einem Set von Standardlizenzverträgen auf die Barrieren, die sich aus dem Copyright/Urheberrecht für die schöpferische Weiterverwendung von Inhalten ergeben. Zwar basiert auch Creative Commons auf dem Urheberrecht, doch es erlaubt den Kreativen eine flexiblere Handhabung desselben. Statt ihre Inhalte entweder überhaupt nicht oder unter der Prämisse “alle Rechte vorbehalten” zu veröffentlichen, können sich Autorinnen und Musikschaffende, Filmemacher und Wissenschaftlerinnen dafür entscheiden, nur „einige Rechte vorzubehalten“.
Bis Mitte 2008 gab es weltweit etwa 130 Millionen CC-lizenzierte Werke. Die Lizenzen werden inzwischen in nahezu allen kreativen Bereichen, sowohl von Einzelpersonen als auch von Institutionen, eingesetzt. Ob TV-Sender, Universitäten, Filmlabels – wie der VEB Film Leipzig – oder Politiker. Am 01. Dezember 2008 öffnete das Team des neu gewählten (damals designierten) US-Präsidenten Barack Obama seine Webseite mit der großzügigsten aller CC-Lizenzen. (CC: By) Diese freieste und einfachste Lizenz verlangt lediglich die Namensnennung des Rechteinhabers (zu weiteren Lizenzklassen siehe: Creative Commons).










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