Bildung und Wissenschaft

Open Access zu Bildung und Forschungsergebnissen

In vielen Ländern Afrikas gäbe es keine Bibliotheken, wenn Bücher nicht fotokopiert würden. Doch das ist urheberrechtlich ein Problem. In den Industrieländern erschweren hohe Kosten für Fachzeitschriften oder Lehrbücher den Zugang zu Bildung. Dabei schöpfen Bildungsinhalte wie kaum etwas anderes aus der Wissensallmende und den öffentlichen Kassen. Daraus ergibt sich die Forderung nach einem weitgehend barrierefreien Zugang zum geschaffenen Wissen und der grundsätzliche Anspruch vieler Bildungsinitiativen, Lehrinhalte als Allmende- oder Gemeingut zu produzieren, zu optimieren und zu zirkulieren. Im Englischen wird dieses Prinzip des freien oder offen Zugangs Open Access genannt.

Es geht dabei um nicht weniger als die Einlösung eines Menschenrechts. Freie Bildungsmaterialien sind „vor allem für Menschen wichtig, die lernen wollen, aber dafür kein Geld und keine Möglichkeiten haben“, schreibt David Bollier, US-amerikanischer Autor und Commonsexperte. Ob freie Hochschultextbücher in Südafrika, das Educalibre Programm in Chile oder OpenCourseWare des Massachusetts Institute of Technology (MIT), die Bewegung für Offene Bildungsinhalte (Open Educational Resources) ist vielgestaltig. Sie trägt dazu bei, das Recht auf Bildung einzulösen. Das MIT, eine der berühmtesten Universitäten der USA für technische Lehre, hat bislang Lehrmaterialien aus 1800 Kursen in 33 Disziplinen im Netz zugänglich gemacht. Ausgehend von der MIT-Initiative beteiligen sich inzwischen 120 Institutionen aus 20 Ländern an einem OpenCourseWare Consortium. Das erklärte Ziel ist, “mit einem Modell des Teilens einen breiten und profunden Korpus von Bildungsinhalten aufzubauen“.

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Zu Open Acces im deutschen Wissenschaftsbetrieb informiert die Plattform der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Autoren, Herausgeber von Fachzeitschriften, Bibliotheken und Verlage erhalten umfangreiche Informationen und praktische Tipps, was Open Access für sie bedeutet.

Zu den Auswirkungen der neuesten Gesetzesänderungen im Urheberrecht auf Wissenschaft in Deutschland hat Rainer Kuhlen vom Aktionsbündnis "Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft" ein Buch geschrieben: "Erfolgreiches Scheitern - eine Götterdämmerung des Urheberrechts"

Zu Open Access in Deutschland schreibt Andreas Poltermann im Sammelband „Wem gehört die Welt?“ von Silke Helfrich (ab März 2009 herunterzuladen auf boell.de).

Connexions: Lehrbücher für die ganze Welt

Catherine Schmidt-Jones ist keine klassische Lehrbuchautorin, aber sie hält Musikerziehung für wichtig. Deshalb hat sie Lehrmaterial mit dem Titel „Grundlagen der Musiktheorie verstehen“ zusammen gestellt. Schmidt-Jones möchte, dass möglichst viele Menschen diese Grundlagen verstehen. Sie hat ihre Arbeit auf Connexions veröffentlicht.

Die Plattform geht auf die Initiative von Richard Baraniuk von der Rice Universität/Texas zurück. Baraniuk überlegte Ende der 90er Jahre, wie die Lehrbuchproduktion zu einem „offenen Ökosystem für geteiltes Wissen“ werden könnte. Anfang 2009 birgt die daraus entstandene Website einen Schatz von 7700 kleinen, miteinander verlinkten Lernhäppchen in über 420 Kursen. Die Autoren haben bislang Module in 23 Sprachen veröffentlicht. Die Nutzerzahlen explodieren und liegen bei derzeit 750,000 monatlich. Jeder kann sich einfach und schnell registrieren, Inhalte entwickeln oder verändern, kostenlos herunterladen und in jeder beliebigen Art verwenden.

Die Initiatoren von Connexions setzen auf die Techniken der Freien Kultur (freier Zugriff auf Inhalte, Freiheit sie zu nutzen, Austausch statt Abgrenzung). Und sie setzen auf die freieste Creative Commons Lizenz (CC: BY - siehe Beispiel Creative Commons). Zudem wird die Möglichkeit des „Drucks auf Bestellung“ (printing on demand) genutzt. In Kooperation mit der für die Kunden jeweils nächst gelegenen Druckerei entstehen Lehrbücher, die professionell aussehen und dennoch günstig in Kleinstauflagen herstellbar sind. Connexions finanziert sich zu einem kleinen Teil aus dem Verkauf der gedruckten Exemplare, existiert aber im Wesentlichen dank der Unterstützung der Rice Universität und diverser Stiftungen.

Die Module von Schmidt-Jones waren schon kurz nach Erstveröffentlichung ein Erfolg. Inzwischen sind mehr als 7,5 Millionen Zugriffe auf ihre Arbeit bei Connexions registriert, von Kansas bis zur Äußeren Mongolei. Dort werden die Module sogar im normalen Musikunterricht eingesetzt, berichtet ein Mitarbeiter von Connexions nach einer Begegnung mit mongolischen Nutzern. Die Rückmeldungen und Fehlerkorrekturen aus der ganzen Welt motivieren. Doch das Wichtigste bringt Sidney Burrus vom Aufsichtsrat auf den Punkt: „Es geht um Wirkung (also mehr Bildung), nicht um Geld.“ Auch die Musiklehrerin Schmidt-Jones ist davon überzeugt, dass Connexions die richtigen Instrumente für den Umgang mit Wissen bietet: Freie Technologie, Freie Kooperation und Freie Inhalte.

Der Anspruch, anderen Projekten als Quelle und Ressourcenpool zu dienen, findet sich auch in den sogenannten Open Education Resource Commons, kurz: OER Commons, einer Online-Plattform für Lehrende und Lernende aller Ebenen. Sie bündelt Materialien, Ideen und Projekte für Freie Bildung. Surfen, Finden, Nutzen: So einfach kann Zugang zu Wissen sein.

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Lehrmaterialien findet man bei Connexions, Open Educational Resources oder der Webseite des Massachusetts Institute of Technology.

Das Netz für die Wissenschaft arbeiten lassen: Science Commons

„Wird Wilbanks die nächste wissenschaftliche Revolution in Gang setzen?“ fragte die US-amerikanische Zeitschrift PopSci 2007. John Wilbanks leitet das Anfang 2005 gestartete Projekt Science Commons (SC) – ein Ableger von Creative Commons (siehe Beispiel). Sience Commons entwickelt Strategien und Werkzeuge für eine schnellere, web-gestützte Wissenschaft. Wilbanks und sein Team spüren künstliche Hürden im Forschungsbetrieb auf, formulieren Ideen und Regelwerke, um diese zu vermindern und erstellen Programme, die Forschungsdaten und Materialien leichter auffindbar machen.

Science Commons will in der Wissenschaft dieselbe Unkompliziertheit des Datenaustauschs ermöglichen, wie er im Alltag praktiziert wird. „Heute finden wir im Internet schneller eine Pizza, als ein Wissenschaftler die für ihn relevante Information.“, sagt Wilbanks.

Das Projekt hat drei zentrale Bereiche aufgebaut:

  • Öffnung und Kennzeichnung von Forschungsergebnissen und Daten zur legalen Wiederverwendung
  • Beschleunigter Transfer physischer Materialien zur Überprüfung und Erweiterung von Forschungsergebnissen (Zelllinien, DNA, Antikörper u.a.)
  • .Integration und Verknüpfung von Daten, Materialien und Diensten aus unterschiedlichen Quellen für erlaubnisfreien Zugang (z.B. NeuroCommons und HealthCommons)

Wissenschaftler haben Arbeitsverträge, die ihr „geistiges Eigentum“ auf die Universitäten oder Forschungseinrichtungen übertragen. Wissenschaftliche Zeitschriften verlangen, dass Autoren ihre Urheberrechte abtreten. Sie tun es, um in Publikationen mit großem Einfluss zu erscheinen. Das Ergebnis: Der Zugang zu den Forschungsergebnissen – oft öffentlich finanziert – wird erschwert. Dabei sind die Schwierigkeiten in Sachen Zugang zu Publikationen noch unbedeutend im Vergleich zu denen, die sich im Zugang zu Versuchsaufbauten und Datensätzen auftun. Fast die Hälfte aller Genforscher ist nicht in der Lage, die Forschungsergebnisse ihrer Kollegen zu bestätigen, weil sie bei Nachforschungen von Geheimhaltungsklauseln und rechtlichen Problemen behindert werden.

Dieses „echte Problem kollektiven Handelns“ will Willbanks abschaffen. Die einzelnen Elemente des Systems müssen zu einer offenen und kollaborativen Infrastruktur in der Wissenschaft verknüpft werden, die eine schnellere Übersetzung von Forschungsergebnissen in reale Produkte und Entwicklungen ermöglicht.

Ein unterstützenswerter Ansatz. Dennoch muss kritisch beobachtet werden, ob Science Commons auch sicherstellt, dass die Beschleunigung des Wissenschaftsbetriebs allen nützt und nicht nur denen, die neues Wissen schneller erzeugen wollen, um es schneller patentieren zu können.

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